Astrologie-Test 2002 der Gesellschaft für Anomalistik / Diskussion

Astrologie-Test 2002 der Gesellschaft für Anomalistik / Diskussion


Im Jahr 2002 führte die Gesellschaft für Anomalistik unter der Leitung von Edgar Wunder einen großangelegten Text zur Prüfung astrologischer Relevanz vor. Nachfolgend veröffentliche ich den Statusbericht der Gesellschaft für Anomalistik aus dem Dezember 2002 und meine Diskussion mit Herrn Wunder.

Statusbericht zum Astrologie-Test 2002
Stand: 5. Dezember 2002

Seit Ende 2001 findet unter Leitung des Geschäftsführers der Gesellschaft für Anomalistik, Edgar Wunder, ein derzeit noch laufender, umfassender wissenschaftlicher Test der Astrologie mit 1700 Versuchspersonen statt. Es folgt ein kurzer Statusbericht zum Stand der Arbeiten am 5.12.2002 sowie eine Darstellung einiger vorläufiger Zwischenergebnisse.

Gläubige Anhänger und skeptische Spötter hat die Astrologie mehr als genug. Doch nur selten wird der Versuch unternommen, die Thesen der Astrologie nüchtern und ernsthaft auf einen wissenschaftlichen Prüfstand zu stellen. Als zentrale Annahme der Astrologie gilt traditionell die Vorstellung, dass es beim Erstellen eines Horoskops auf das richtige Geburtsdatum einer Person ankomme, während die Verwendung eines falschen oder gar beliebigen Geburtsdatums zu falschen oder zumindest weniger gut zutreffenden astrologischen Deutungen führen solle.

Denn käme es auf das korrekte Geburtsdatum gar nicht an, dann müsste auch der Stand der Gestirne zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen als irrelevant gelten. Um dies zu überprüfen eignen sich sog. Zuordnungstests.

Dabei haben Versuchspersonen die Aufgabe, zwischen falschen und richtigen Horoskopen zu unterscheiden. Und Astrologen sollen herausfinden, welches von jeweils zwei Geburtsdaten das richtige für eine Reihe von Versuchspersonen ist.

Seit Ende 2001 wird vom Geschäftsführer der Gesellschaft für Anomalistik, dem Soziologen Edgar Wunder, ein solcher Zuordnungstest durchgeführt. Die Gesellschaft für Anomalistik – eine gemeinnützige Organisation mit Sitz inSandhausen bei Heidelberg, der etwa 100 Wissenschaftler und andere Untersucher von “anomalen” Phänomenen angehören – hat sich zum Ziel gesetzt, Behauptungen und Thesen der sog. “Parawissenschaften” (wie z.B. der Astrologie) mit den Methoden der etablierten Wissenschaft systematisch zu prüfen.

Angeregt wurde der aktuelle Astrologie-Test vom Nürnberger Astrologen Peter Gömmel, der sich dadurch erhoffte, die Stichhaltigkeit der Astrologie wissenschaftlich zu belegen. Als Versuchsleiter fungiert Edgar Wunder, der seit vielen Jahren als Kritiker der Astrologie bekannt ist und Horoskopen skeptisch gegenüber steht.

Neben 26 Astrologen (aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und dem Elsass) beteiligten sich insgesamt 1700 Versuchspersonen durch Einsendung ihrer Geburtsdaten an der Untersuchung. Es handelt sich somit um die umfangreichste derartige empirische Studie, die bislang weltweit zur Astrologie durchgeführt wurde.
Bedeutsamer ist jedoch, dass beim Versuchsplan besondere Sorgfalt und Gründlichkeit entwickelt wurde, um den Aussagegehalt der Studie zu optimieren – und zwar in dreifacher Hinsicht:

(a) Die Astrologen hatten alle Freiheiten und Möglichkeiten, um zu gewährleisten, dass die Testbedingungen für die Astrologie so angemessen und erfolgversprechend wie nur möglich waren.

(b) Eventuelle Fehlerquellen und Artefaktmöglichkeiten wurden systematisch kontrolliert, um abzusichern, dass eventuelle überzufällige Trefferquoten nicht auf andere Ursachen und Informationsquellen als die Astrologie zurückgehen können.

(c) Der Auswertungsplan wurde nicht undifferenziert beweis- oder widerlegungsorientiert angelegt, sondern dergestalt, dass genau untersucht werden kann, von welchen Faktoren die Stimmigkeitseinschätzungen bezüglich der Horoskope bzw. die Trefferquoten nun abhängen – sowohl in Bezug auf astrologische Faktoren (z.B. Genauigkeit der dokumentierten Geburtszeit) als auch in Bezug auf nicht-astrologische Faktoren (z.B. Einstellungen der Versuchspersonen).

Die Untersuchung bestand aus zwei Teiltests:

Erstens hatten die Astrologen die Aufgabe zu entscheiden, welche von jeweils zwei Geburtsdaten (die Grundlage für die Erstellung von Horoskopen sind) zu bestimmten Versuchspersonen gehören. Um dies herauszufinden, bekamen die Astrologen die Möglichkeit, den Versuchspersonen Fragen beliebiger Art und Zahl zu stellen, um die Versuchspersonen möglichst gut kennen zu lernen bzw. jene Unterschiede zu prüfen, die aufgrund der individuell erstellten Horoskope von ihnen bei den Versuchspersonen erwartet wurden.

Dies erfolgte in anonymisierter Form mittels individuell für die einzelnen Versuchspersonen erstellter Fragebögen. Nur Fragen nach den Geburtsdaten selbst (sowohl direkt als auch indirekt) waren hierbei natürlich untersagt.

Zweitens hatten die Versuchspersonen die Aufgabe zu entscheiden, welcher von jeweils zwei Horoskop-Deutungstexten für sie persönlich zutreffender war. Beide Horoskop-Deutungstexte waren von den Astrologen erstellt worden, der eine für die beurteilende Versuchsperson, der andere für eine andere Versuchsperson gleichen Alters und Geschlechts.

Die Zufallserwartung, allein durch Raten die richtigen Geburtsdaten bzw. die richtige Horoskopdeutung als zutreffend auszuwählen, beträgt – bei zwei Daten bzw. Horoskopen zur Auswahl – 50 %. Wenn die traditionelle Grundannahme der Astrologie richtig sein sollte, dass das korrekte Geburtsdatum für die Stimmigkeit von Horoskopen irgend eine Relevanz hat, dann sollte in beiden Teiltests mit Trefferquoten von deutlich über 50 % zu rechnen sein. Dies zu prüfen, war und ist Ziel der aktuellen Untersuchung.

Es folgt eine kurze Übersicht zum aktuellen Stand des Projektverlaufs (nur die wichtigsten Punkte sind aufgeführt) sowie eine Darstellung einiger vorläufiger Ergebnisse (Stand: 5. Dezember 2002):

Die 1700 Versuchspersonen wurden u.a. einem psychologischen Test unterzogen und mussten eine amtliche Beglaubigung zu ihrer genauen Geburtszeit vorlegen. Im Ergebnis erfüllten nur 274 (=16 %) die strengen methodischen und astrologischen Zulassungsvoraussetzungen, die für die Studie vorher festgesetzt worden waren. Davon wurden 259 als die eigentlichen Versuchsteilnehmer ausgewählt, 15 fanden in einem begleitenden Zusatztest Verwendung. Die restlichen 1426 Versuchspersonen, die die strengen Zulassungsvoraussetzungen nicht vollständig erfüllen konnten, dienten als Kontrollgruppe oder wurden teilweise ebenfalls in begleitenden Zusatztests eingesetzt.

Die Versuchspersonen wurden zu 205 Versuchspaaren gruppiert, für die die Astrologen Horoskop-Deutungstexte und/oder individuell entwickelte Fragebögen (zum Ausfüllen durch die Versuchspersonen) erarbeiteten. Diese Phase des Tests war in der ersten Dezemberwoche 2002 abgeschlossen. Auf der Basis dieses Materials hatten / haben die Astrologen bzw. die Versuchspersonen nun die Aufgabe, insgesamt 300Zuordnungsentscheidungen nach dem oben erläuterten Muster zu treffen.

Zum Berichtstermin (5.12.2002) waren diese Unterlagen nach Prüfung fast vollständig an die Versuchspersonen weitergeleitet und 168 (=56 %) der 300 möglichen Zuordnungsentscheidungen bereits abgegeben.

Von diesen 168 bis dahin abgegebenen Zuordnungsentscheidungen beziehen sich 75 auf computergenerierte Horoskope (sowie einen ergänzenden Zusatztest), für die eine gesonderte Auswertung vorgesehen ist und die deshalb im folgenden vorerst unberücksichtigt bleiben. Die nachfolgenden vorläufigen Zwischenergebnisse beziehen sich also nur auf jene 93 Zuordnungsentscheidungen, bei denen die beteiligten Astrologen persönlich – d.h. ohne Zuhilfenahme eines Computerprogramms – individuelle Horoskop-Deutungstexte und/oder Fragebögen erstellt haben.

Die durchschnittliche Trefferquote der Astrologen (welche die Geburtsdaten den von den Versuchspersonen ausgefüllten Fragebögen zuzuordnen hatten) beträgt nach dieser Zwischenauswertung 59 %. Nach den üblichen Konventionen (Erreichen des 5%-Signifikanzniveaus) ist dies noch keine statistisch signifikante Abweichung von der mathematischen Zufallswahrscheinlichkeit von 50 %. Eventuell wird diese Abweichung im weiteren Verlauf des Tests aber noch statistisch signifikant, wenn die Fallzahl der abgegebenen Zuordnungsentscheidungen weiter steigt und sich der Effekt in dieser Größenordnung halten sollte.

Die durchschnittliche Trefferquote der Versuchspersonen (die aus zwei Horoskopdeutungen die besser auf sie zutreffende auswählen sollten) beträgt nach dieser Zwischenauswertung 64 %. Dies ist eine statistisch signifikante Abweichung (p=0,02) von der mathematisch zu erwartenden Zufallswahrscheinlichkeit von 50 % im Sinne der astrologischen Hypothese. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Effekt nach Vorliegen der Gesamtergebnisse stabilisiert.

Inwiefern eine solche statistisch signifikante Abweichung tatsächlich auf astrologische oder auf andere Faktoren zurückgeht, wird durch diverse begleitende Zusatztests und Korrelationsrechnungen mit anderen Variablen überprüft werden. Beispielsweise läuft bereits seit Oktober 2002 ein begleitender Kontrolltest, bei dem unabhängige, der Astrologie unkundige kritische Gutachter aufgrund der bei der Untersuchung angefallenen Unterlagen allein durch Spekulation und Raten die richtigen Kombinationen von Geburtsdaten, Fragebogenantworten und Horoskop-Deutungstexten herausfinden sollen. Auf diese Weise kann eine “empirische Zufallserwartung” ermittelt werden, die eventuell noch übersehene feinsinnige Hinweise auf die richtige Zuordnung in den Deutungstexten mit berücksichtigt – und zu der dann die Trefferquote der Versuchspersonen in Beziehung zu setzen wäre. Auch die Hypothese, eine überzufällige Trefferquote ginge auf “hellseherische Fähigkeiten” zurück (und hätte mit dem Stand der Gestirne gar nichts zu tun) kann überprüft und von der astrologischen Hypothese experimentell unterschieden werden: Denn nur die astrologische Hypothese, nicht aber die “Hellseher-Hypothese”, sagt eine positive Korrelation zwischen der Genauigkeit der Geburtszeit und der Trefferquote voraus. Auch dies wird u.a. überprüft werden. Im übrigen bleiben selbstverständlich die Endergebnisse abzuwarten.

Bereits jetzt kann allerdings mit weitgehender Sicherheit ausgeschlossen werden, dass das angeführte signifikante Ergebnis in der Zwischenauswertung auf eventuelles astrologisches Hintergrundwissen der Versuchspersonen zurückgehen könnte, denn in dieser Hinsicht wurden eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen getroffen und Kontrolltests durchgeführt.

Die Trefferquoten einzelner Astrologen (bzw. der Kollektive der ihnen zugeordneten Versuchspersonen) werden erst dann berechnet, wenn alle Zuordnungsentscheidungen, die den jeweiligen Astrologen betreffen, vollständig vorgenommen wurden. Dies ist erst bei relativ wenigen der teilnehmenden Astrologen der Fall. Darunter hat bislang ein Astrologe (betreffend der Zuordnungsentscheidungen der Versuchspersonen) ein signifikantes Ergebnis erzielt (p=0,03). Dieser Astrologe nimmt nun an einem ergänzenden Replikationstest teil, um zu prüfen, ob er diese Leistung auch wiederholt erbringen kann.

Mit den Endergebnissen der Studie ist in ca. einem Vierteljahr zu rechnen.

Bereits jetzt liegt eine Veröffentlichung vor, die als Vorstufe zur eigentlichen Studie die Zusammensetzung des Pools der 1700 Versuchspersonen hinsichtlich deren Einstellungsmuster zur Astrologie analysiert. Diese ergänzende Untersuchung erschien vor kurzem in der Zeitschrift für Anomalistik, Band 2, S. 275-287.
Sie ist kostenlos online als PDF-Datei (13 Seiten) verfügbar.

Bewertung: Die vorläufige Zwischenauswertung des Astrologie-Tests ergibt einige für Astrologen ermutigende Ergebnisse. Es sollten jedoch keine voreiligen Schlussfolgerungen gleicher welcher Art gezogen werden. Es bleibt abzuwarten, bis alle Testergebnisse vollständig vorliegen werden, diese im Detail analysiert und auch einige begleitende Kontrolluntersuchungen abgeschlossen sind. Jedenfalls versprechen die bisherigen Ergebnisse zumindest einen spannenden Verlauf der weiteren Auswertungen, wie auch immer es schlussendlich für die Astrologie ausgehen mag.

Große Vorsicht ist sicherlich vor dem Hintergrund der Tatsache angebracht, dass frühere empirische Tests keine positiven Ergebnisse für die Astrologie erbrachten. Andererseits waren diese früheren Studien oft weniger sorgfältig darum bemüht, den Ansprüchen der Astrologie wirklich gerecht zu werden und ihre Erfolgschancen – bei ebenso sorgfältiger Beachtung methodischer Standards – zu optimieren.

Edgar Wunder, 5. Dezember 2002

– Sehr geehrter Herr Wunder,

mit Interesse las ich die von Ihnen veröffentlichten Ergebnisse Ihrer Studie zum Thema Astrologie. Ich nehme an, dass Ihre Tests weitgehend abgeschlossen sind. Sollten Sie dennoch weitere Teilnehmer suchen, würde ich mich als praktizierender Astrologe gern zur Verfügung stellen.

Ich frage mich allerdings, was Sie mit der zweiten Testreihe, in der Leser eines schriftlichen Horoskopes herausfinden sollen, ob es das eigene ist oder nicht, beweisen oder widerlegen wollen.

Wäre es Aufgabe der Astrologie, dem Klienten einen Text in die Hand zu geben, der zweifelsfrei nur auf diesen Kienten passt und von niemand anderem angenommen wird, dann hätten Sie die Astrologie jetzt widerlegt (meines Erachtens selbst mit dieser leicht signifikanten Abweichung). Doch da dies keineswegs die Aufgabe der Astrologie ist, wird hier von einer falschen Prämisse ausgegangen.

Alles was jetzt bewiesen wurde, ist: astrologische Gutachten sind nicht so individuell verfasst, als dass sie nicht auf verschiedene Probanden passten. Dass dies kein allein astrologisches Problem ist, darauf wurde schon vielfach hingewiesen.

Vor Jahren las ich von zum Beispiel einem Test, in dem alle Teilnehmer im Anschluss an eine medizinische Untersuchung das gleiche medizinische Gutachten ausgehändigt bekamen (die Quelle ist mir leider nicht bekannt). Fast alle Teilnehmer sollen die Richtigkeit der Diagnose bestätigt haben.

Wissenschaftliches Vorgehen erfordert immer auch das Überprüfen der Testmethode. Das heißt: damit Ihre Untersuchung überhaupt irgend etwas aussagen kann, muss ein adäquater Gegentest mit zum Beispiel zwei psychologischen oder zwei medizinischen Gutachten gemacht werden.

Doch selbst angenommen, nur die astrologischen Gutachten würden zu 60% richtig eingeschätzt, die psychologischen oder medizinischen zu 40%, wäre auch dies kein zwangsläufiger Beweis für das Funktionieren der Astrologie (was man dann von „wissenschaftlicher Seite“ sicher auch gern bestätigen wird).

Auch der erste Test muss in dieser Weise auf seine Relevanz geprüft werden: Wieviele Psychologen können der vor ihnen sitzenden Person das richtige psychologische Gutachten zuordnen und inwieweit unterscheidet sich diese Trefferquote von der der Astrologen?

Ich möchte Ihre sehr aufwendige und ernstzunehmende Arbeit in keiner Weise herabsetzen, sondern nur die aufgeführten Punkte zu Bedenken geben.

Da Sie an anderer Stelle erwähnen, dass Sie seit Jahren mundanastrologische Prognosen sammeln, möchte ich Sie auf die von mir veröffentlichten hinweisen. Meine Prognose für 2003 finden Sie auf meiner Internetseite www.12Zeichen.de unter Allgemeine Prognose, einige frühere (für 2001 und 2002) in der News-Letter-Rubrik.

Mit freundlichen Grüßen aus Kiel

Martin A. Banger
Astrologe

Tel/Fax: 0431 551100
www.12Zeichen.de

– Eine erste kurze Rückmeldung per eMail von Herrn Wunder ist leider verlorengegangen.

– Sehr geehrter Herr Wunder,

vielen Dank für Ihre eMail. Anbei meine Stellungnahme zu der von Ihnen durchgeführten Untersuchung. Über eine Rückmeldung oder gar Veröffentlichung würde ich mich freuen.

Bevor ich meine Kritik an dem betreffenden Test darlege, möchte ich noch einmal betonen, dass mir durchaus klar ist, dass Sie hier einen immensen Aufwand geleistet und sich auch um eine faire Vorgensweise bemüht haben.

Dennoch bezweifle ich die Aussagefähigkeit eines derartigen Tests. Ich hatte meine Argumente zwar im Wesentlichen bereits genannt, möchte diese aber gern etwas ausführen.

Ich verfolge die Argumentation gegen die Astrologie seit über 20 Jahren und meine feststellen zu können, dass in vielen Fällen Astrologie und Wissenschaften mit zweierlei Maß gemessen werden. Bevor ich meinen Standpunkt darlege, möchte ich an einem exemplarischen Beispiel verdeutlichen, was ich als den blinden Fleck der Astrologiekritik bezeichne. Folgendes Argument wird gelegentlich gegen die Astrologie ins Feld geführt: Durch die Entdeckung der „neuen“ Planeten war die Astrologie gezwungen, ihr Weltbild zu ändern. Die alte oder die neue Astrologie – eine von beiden kann somit nicht stimmen.

Abgesehen von der Naivität eines solchen Argumentes – die Tatsache, dass jede Wissenschaft ihr Weltbild aufgrund neuer Erkenntnisse im Laufe der Geschichte mehrfach ändern musste, wird in diesem Zusammenhang nicht diskutiert. Offensichtlich scheint zu gelten: Die Physik ist eine Wissenschaft, weil sie sich weiterentwickelt. Die Astrologie ist keine Wissenschaft, weil sie sich weiterentwickelt.

Das genannte Argument wurde schon von diversen Wissenschaftlern, Wissenschaftsjournalisten (z.B. in der Zeit) und populärwissenschaftlichen Sachbuchautoren vorgetragen. Ein derart anti-wissenschaftliches Vorgehen ist in der Astrologiekritik nach meiner Erfahrung die Regel und nicht die Ausnahme. Die unbewusste Haltung hinter einer solchen Argumentation lautet: Da Astrologie einen unwissenschaftlichen Standpunkt vertritt, brauchen wir auch keinen wissenschaftlichen Maßstab anzulegen.

Ähnliches gilt meines Erachtens auch für die von Ihnen durchgeführte Untersuchung: Solange ein solcher Test nicht auf sein Funktionieren in anderen Disziplinen überprüft wurde, kann von nicht einer wissenschaftlichen Arbeit gesprochen werden. Eine derartige Vorgehensweise wäre in keiner wissenschaftlichen Disziplin denkbar.

Ein Test, der wissenschaftlichen Kriterien standhalten soll, muss zunächst auf seine Relevanz geprüft werden. In diesem Fall müsste also mindestens ein entsprechender Vergleichstest in einer anderen Disziplin durchgeführt werden – z.B.: wieviele praktische Ärzte können aus zwei vorliegenden Blutbildern das passende dem vor ihnen sitzenden Patienten zuordnen. Oder: wieviele Probanden können das zu ihnen gehörende psychologische Gutachten aus zwei vorliegenden korrekt auswählen.

Werden solche Vergleichstest durchgeführt und in anderen Disziplinen schneiden die Testpersonen ähnlich ab, was bedeutet das dann? Angenommen von 100 Medizinern würden 50 bei der Zuordnung von Blutbildern richtig liegen – was würde das bedeuten? Wäre damit bewiesen, dass medizinische Diagnose und Behandlung auf Zufall basieren?

Aufgabe eines Arztes ist es nicht, dem Patienten eines von zwei vorliegenden Blutbildern zuzuordnen, und wohl kaum ein Arzt würde aus einem derartigen Test irgendwelche Rückschlüsse auf die Wissenschaftlichkeit der Medizin ziehen. Die Aufgabe eines Astrologen ist es nicht, einer Person das richtige von zwei Horoskopen zuzuordnen. Die Astrologie behauptet auch nicht, dass sie diesem Anspruch gerecht werden kann.

Wenn einzelne meiner Kollegen das anders sehen, liegt dies daran, dass die meisten Astrologen Praktiker sind, in ihrer Arbeit die Erfahrung machen, dass Astrologie funktioniert und fälschlicherweise davon ausgehen, dass folgende Schlussfolgerung gelten müsse:

Wenn gilt: Die meisten meiner Horoskope werden von den Klienten als stimmig bezeichnet –

und: alle meine Horoskope unterscheiden sich von voneinander,

muss gelten: Meine Klienten können den für sie stimmigen Text zweifelsfrei identifizieren

Diese Schlussfolgerung steht jedoch in keinem logisch begründbaren Zusammenhang mit den Ausgangsvoraussetzungen.

Nehmen wir ein noch deutlicheres Bild: 100 Atom-Physiker, die mit der entsprechenden Materie vertraut sind, sollen eine von zwei Blasenkammern-Aufnahmen dem entsprechenden vorhergesagten Teilchen-Zerfallsprozess zuordnen. Egal, wie das Ergebnis ausfällt (20, 50 oder 99 Prozent Trefferquote) – die Annahme, ein hoher Anteil an Physikern müsse in dieser Zuordnung richtig liegen, damit irgendwelche Thesen der Physik belegt wären, würde von jedem zu wissenschaftlichem Denken geschulten Menschen als grotesk eingestuft werden.

Die Astrologie soll somit einem Test standhalten, der in der Medizin oder in der Physik als grober unwissenschaftlicher Unfug klassifiziert werden würde. Dieser Diskrepanz liegt meines Erachtens die unausgesprochene Vorannahme zugrunde: Astrologen behaupten, das Unmögliche zu können. Was mit diesem Test erwartungsgemäß widerlegt wurde.

Abschließend möchte ich erwähnen, dass ich, obwohl als Astrologe von meiner Arbeit überzeugt, an die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Belegbarkeit der Astrologie nicht glaube. Astrologie geht keinen objektiv-wissenschaftlichen, sondern einen subjektiven Erkenntnisweg. Während die Wissenschaft erforscht, wie die Welt objektiv ist, deutet die Astrologie, wie ein Mensch sie subjektiv wahrnimmt.

Da die Wissenschaft keine Instrumente besitzt, die zentralen Dimensionen der Astrologie, wie Sinn, Wert oder Bedeutung, zu erfassen, scheint mir eine Annäherung nicht nur unsinnig, sondern völlig ausgeschlossen.

Bereits 1984 schrieb Stephen Arroyo, einer der Wegbereiter der psychologischen Astrologie:

.. das vielleicht sinnloseste Unterfangen für mich ist es, wenn Astrologen sich selbst einschränken, indem sie das alte, materialistische Paradigma beibehalten, während sie vorgehen, die Astrologie zu „testen“; solche Versuche sind jedoch wie das Vermischen von Äpfeln und Orangen – sie führen zu nichts. (S. Arroyo, Sebastopol 1984, Astrologische Psychologie in der Praxis, Hamburg 1988, S. 75, ).

Mit freundlichen Grüßen

Martin A. Banger
Astrologe, Kiel

– Sehr geehrter Herr Banger,

vielen Dank fuer Ihre Ausfuehrungen. Es wird im Zusammenhang mit dem Abschlussbericht der Untersuchung eine umfassende und moeglichst differenzierte Diskussionen aller denkbaren Einwaende gegen die Studie geben. Ich werde dabei sicher auch die von Ihnen angesprochenen Kritikpunkte mit aufgreifen, die dafuer einige wertvolle Anregungen bieten. Schon jetzt kann ich allerdings sagen, dass ich nicht alle Punkte so sehe wie Sie. Hier die vielleicht wichtigsten / exemplaristischen herausgegriffen:

„Nehmen wir ein noch deutlicheres Bild: 100 Atom-Physiker, die mit der entsprechenden Materie vertraut sind, sollen eine von zwei Blasenkammern-Aufnahmen dem entsprechenden vorhergesagten Teilchen-Zerfallsprozess zuordnen. Egal, wie das Ergebnis ausfällt (20, 50 oder 99 Prozent Trefferquote) – die Annahme, ein hoher Anteil an Physikern müsse in dieser Zuordnung richtig liegen, damit irgendwelche Thesen der Physik belegt wären, würde von jedem zu issenschaftlichem Denken geschulten Menschen als grotesk eingestuft werden.“

Sehe ich ganz anders. Wenn Physiker nicht in der Lage sein sollten, aufgrund welcher Kriterien auch immer (die Wahl der Mittel ist voellig frei, egal ob sie Blasenkammer-Aufnahmen waehlen oder irgend ein anderes Verfahren) verschiedene Teilchenarten zu differenzieren, dann sind alle theoretischen Modelle, die von unterschiedlichen Teilchenarten ausgehen, letztlich wertlos. Aber natuerlich haben Physiker sehr wohl Methoden entwickelt, wie man verschiedene Teilchenarten unterscheiden kann. Auch allgemein sind entsprechende Reliabilitaetstests in der Wissenschaft keineswegs „grotesk“, sondern an der Tagesordnung.

„Während die Wissenschaft erforscht, wie die Welt objektiv ist, deutet die Astrologie, wie ein Mensch sie subjektiv wahrnimmt.“

Das ist m.E. eine sehr verengte (naturwissenschaftliche) Sichtweise der Wissenschaft. Die Sozialwissenschaften beschaeftigen sich standardmaessig mit der Untersuchung von „subjektiven“ Wahrnehmungen von Menschen, und haben dafuer natuerlich auch entsprechende Methoden entwickelt.

„Da die Wissenschaft keine Instrumente besitzt, die zentralen Dimensionen der Astrologie, wie Sinn, Wert oder Bedeutung, zu erfassen“

Natuerlich haben die Sozialwissenschaften solche Instrumente, z.B. ganz simpel eine Befragung der betroffenen Personen ueber ihre subjektiven“ Erfahrungen. Nichts anders geschieht im Prinzip bei der jetzigen Untersuchung. Testgegenstand ist auch nicht „die Astrologie“, sondern die subjektiven Evidenzerlebnisse von Menschen (im Zusammenhang mit der Astrologie) in Bezug auf eine Differenzierung der verschiedenen Erklaerungsmoeglichkeiten dafuer.

Mit besten Gruessen
Edgar Wunder

– Sehr geehrter Herr Wunder,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Zu Ihren Anmerkungen nehme ich gern Stellung.

Zum Blasenkammern-Beispiel:

Sie schreiben: „…Aber natuerlich haben Physiker sehr wohl Methoden entwickelt, wie man verschiedene Teilchenarten unterscheiden kann … Darauf sollte ich vielleicht entgegnen: natürlich haben Astrologen Methoden entwickelt, verschiedene Aspekte im Horoskop zu unterscheiden.“

Doch dies ist doch wohl kaum der Punkt, um den es geht. Vielleicht habe ich das Argument nicht klar genug formuliert; ich habe dieses Beispiel dennoch sehr bewusst gewählt. Was auf den Blasenkammern-Aufnahmen zu sehen ist, kann nur dann sinnvoll interpretiert werden, wenn dem betreffenden Physiker alle Ausgangsdaten zur Verfügung stehen und zwar inklusive der vorhergesagten (berechneten) Teilchenreaktion. Ohne diese Kenntniss müsste jemand schon sehr viel Erfahrung mit der Materie haben und würde sich immer noch im Rahmen des Spekulativen bewegen, wenn er – ähnlich wie ein Astrologe in Ihrem Experiment – ein wirres Linienmuster interpretieren soll, nach dem Motto: es könnte dies sein, es könnte das sein.

Ich stelle hier nicht die Verfahren der Physik infrage – ganz im Gegenteil – ich wollte mit diesem Beispiel darauf weisen, dass ebensolch ein Ratespiel-Verfahren keineswegs in der Physik akzeptiert wird, und noch viel weniger die Idee, viele Physiker müssten hier richtig liegen, damit die Grundlagen der Physik Geltung hätten.

Zu dem anderen Punkt: Sie nennen es eine „sehr verengte (naturwissenschaftliche) Sichtweise der Wissenschaft“, auf der meine Überzeugung basiert. Dem möchte ich entgegnen, dass es hier nicht darum geht, wie ich Wissenschaft sehe, sondern darum, wie Wissenschaft sich selbst sieht, und auch darum, wie Wissenschaft allgemein gesehen wird. Ich mag mich irren, aber mir scheint dass gerade die Sozialwissenschaften sich in dem hilflosen Versuch verstricken, den Ansprüchen der Naturwissenschaften gerecht zu werden.

Die statistische (meinetwegen objektive) Untersuchung von „subjektiven“ Wahrnehmungen hat jedenfalls nichts mit der Domäne der Astrologie – der Deutung von Ereignissen zu tun. Der Sinn des Scheiterns oder des Erfolges in einem persönlichen Vorhaben zum Beispiel lässt sich statistisch nicht erfassen – astrologisch schon.

Dieses Argument berührt Ihre Untersuchung natürlich nicht, und ich hatte es vor allem für diejenigen meiner Kollegen aufgeführt, die sich von derartigen Untersuchungen eine Erleichterung des Dilemmas erhoffen, in dem sie sich befinden.

Mit freundlichen Grüßen aus Kiel

Martin A. Banger

– Sehr geehrter Herr Banger,

Sie schreiben: .“..Aber natuerlich haben Physiker sehr wohl Methoden
entwickelt, wie man verschiedene Teilchenarten unterscheiden kann …
Darauf sollte ich vielleicht entgegnen: natürlich haben Astrologen
Methoden entwickelt, verschiedene Aspekte im Horoskop zu unterscheiden.“

Das ist eben die Frage, ob das wirklich der Fall ist: Methoden dergestalt, dass sie Aspekte (entspr.: Teilchenarten) reliabel den Entsprechungen dieser Phaenomene – also z.B. Blasenkammeraufnahmen oder was auch immer, nach eigenem Wunsch (bzw. Charaktereigenschaften / Ereignisse oder was auch immer, nach eigenem Wunsch) – zuordnen koennen. Die Physiker koennen das. Ob es die Astrologen koennen, ist die Frage.

Was auf den Blasenkammern-Aufnahmen zu sehen ist, kann nur dann sinnvoll interpretiert werden, wenn dem betreffenden Physiker alle Ausgangsdaten zur Verfügung stehen.

In Analogie dazu brauchen die Astrologen nur sagen, was sie als
„Ausgangsdaten“ benoetigen. Sie werden es bekommen. Zumindest beim Fragebogenteil und den darauf aufbauenden Zuordnungen durch die Astrologen selbst kann dieses Argument nicht angefuehrt werden.

„… wenn er – ähnlich wie ein Astrologe in Ihrem Experiment – ein wirres Linienmuster interpretieren soll, nach dem Motto: es könnte dies sein, es könnte das sein…“

So koennte man nur bei dem Teil des Tests argumentieren, der mit der Gutachtenerstellung zu tun hat. Aber auch hier gilt: Astrologen beanspruchen, dass es zumindest nicht beliebig ist. „Nicht beliebig“ heisst, dass man zumindest in negativer Hinsicht ausgrenzen und sagen kann: Dies und jenes ist hier mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Und schon hat man Entscheidungskritierien. Es spricht auch nichts dagegen, die verschiedenen Verwirklichungsmoeglichkeiten gleichberechtigt aufzuzaehlen. Letztlich geht es ja nur darum, ob bei den Versuchspersonen in unterschiedlichem Ausmass Evidenzgefuehle erzeugt werden, in Abhaengigkeit davon, ob es das „richtige“ oder „falsche“ Horoskop ist. Wenn das nicht der Fall ist, dann spielt das richtige Geburtsdatum fuer die Entstehung von astrologischen
Evidenzerlebnissen keine Rolle – weiter geht der Anspruch der Studie gar nicht.

Mit besten Gruessen
Edgar Wunder

– Sehr geehrter Herr Wunder,

die von Ihnen durchgeführte Untersuchung beruht ja eben darauf, dass Sie den Teilnehmern die Ausgangsdaten (dieses Horoskop gehört zu dieser Person) nicht nennen, und diese durch Schlussfolgerungen ermittelt werden sollen. Um zu zeigen, dass dies in dieser Form kein wissenschaftliches Vorgehen ist, habe ich das Beispiel aus der Physik gewählt.

Kein Physiker würde aus einem solchen Verfahren irgendwelche Aussagen über die Physik ableiten. Nach Ihrer Argumentation müsste zum Beispiel gelten: wir lassen mal ein Elektron und ein Positron aufeinanderprallen, machen eine Blasenkammernaufnahme (Horoskop) und schauen mal, wie viele Experten dann die betroffenen Teilchen richtig erraten (wenn sie unter einem weiteren möglichen Teilchenzerfall auswählen müssen). Das kann man natürlich machen und man erhält dann (wissenschaftlich gesicherte) Werte darüber, wieviele Physiker bei der Zuordnung von Blassenkammernaufnahmen richtig tippen. Doch dies sagt nichts über die Physik und deren Grundlagen aus. Eine derartige Untersuchung würde von Physikern höchstens als interessante Spielerei aufgefasst werden, nicht aber als wissenschaftliches Vorgehen.

„… Wenn das nicht der Fall ist, dann spielt das richtige Geburtsdatum fuer die Entstehung von astrologischen Evidenzerlebnissen keine Rolle …“

Evidenzerlebnisse kommen in einer Beratungssituation (ich rechne schriftliche Analysen hier mit) so oder so zustande – ob mit richtigem oder falschem Horoskop, ob mit der richtigen medizischen oder psychologischen Diagnose oder der jeweils falschen. Ein astrologisches Evidenzerlebnis gibt es meines Erachtens nicht. Ihre Schlussfolgerung suggeriert, dass in Falle der Evidenzerlebnisse ein astrologisches Problem vorliegen müsse und nicht etwas eins der menschlichen Psyche.

Mit freundlichen Grüßen

Martin A. Banger

– Lieber Herr Banger,

“ die von Ihnen durchgeführte Untersuchung beruht ja eben darauf, dass Sie den Teilnehmern die Ausgangsdaten (dieses Horoskop gehört zu dieser Person) nicht nennen, und diese durch Schlussfolgerungen ermittelt werden sollen.“

Nein, die Astrologen haben doch alle „Ausgangsdaten“, die sie wuenschen. Nur die richtige Zuordnung natuerlich nicht, die soll ermittelt werden.

„Kein Physiker würde aus einem solchen Verfahren irgendwelche Aussagen über die Physik ableiten. Nach Ihrer Argumentation müsste zum Beispiel gelten: wir lassen mal ein Elektron und ein Positron aufeinanderprallen, machen eine Blasenkammernaufnahme (Horoskop) und schauen mal, wie viele Experten dann die betroffenen Teilchen richtig erraten (wenn sie unter einem weiteren möglichen Teilchenzerfall auswählen müssen).“

Wenn sie es nicht herausfinden koennen, dann sind Blasenkammeraufnahmen offenbar kein geeignetes Mittel, um die verschiedenen Teilchen zu differenzieren.

Jeder Physiker wuerde diese Schlussfolgerung ziehen. Ebenso waere analog die Feststellung legitim, dass Horoskope kein geeignetes Mittel sind, um zwischen Personen unterschiedlichen Charakters zu differenzieren. Hier passiert nichts, was in der Wissenschaft nicht absolut ueblich ist.

„Doch dies sagt nichts über die Physik und deren Grundlagen aus.“

Doch, es sagt etwas ueber die Relevanz von Blasenkammeraufnahmen aus. Eine Physik, die voraussagen wuerde, dass die Teilchen X andere Blasenkammerspuren hinterlassen als die Teilchen Y, ist nicht haltbar, wenn es nicht gelingt, X und Y aufgrund der Blasenkammerspuren zu differenzieren. Wiederum denke ich, dass *jeder* Physiker diese Schlussfolgerung ziehen wuerde.

„Eine derartige Untersuchung würde von Physikern höchstens als interessante Spielerei aufgefasst werden, nicht aber als wissenschaftliches Vorgehen.“

Das ist keine „Spielerei“, sondern ein ganz normales Vorgehen in der Wissenschaft bei der Pruefung von Hypothesen. Einmal gegengefragt:

Was waere denn ihr Testvorschlag, wie sich untersuchen laesst, ob unterschiedliche Teilchen unterschiedliche Blasenkammerspuren erzeugen oder nicht?

Oder ob sich Teilchen ueberhaupt auf irgend eine Weise mehr oder minder zuverlaessig unterscheiden lassen und deshalb die Unterscheidung verschiedener Teilchenarten ueberhaupt Sinn macht?

„Evidenzerlebnisse kommen in einer Beratungssituation (ich rechne
schriftliche Analysen hier mit) so oder so zustande – ob mit richtigem
oder falschem Horoskop … Ihre Schlussfolgerung suggeriert, dass in Falle
der Evidenzerlebnisse ein astrologisches Problem vorliegen müsse und nicht etwas eins der menschlichen Psyche.“

Viele Astrologen glauben das. Immerhin sind solche Evidenzerlebnisse der massgebliche Grund, warum Menschen von der Astrologie (oder besser: der Realitaet eines Zusammenhangs zwischen „Oben“ und „Unten“) ueberzeugt sind. Oder etwa nicht? Oder welche anderen Gruende sollte es dafuer geben, an einen solchen Zusammenhang zu glauben?

Mit freundlichen Grüßen
Edgar Wunder

– Sehr geehrter Herr Wunder,

ich würde sagen, Sie vermischen in Ihrer Argumentation, was nicht vermischt werden darf.

„… Was waere denn ihr Testvorschlag, wie sich untersuchen laesst, ob unterschiedliche Teilchen unterschiedliche Blasenkammerspuren erzeugen oder nicht? …“

Es geht hier um zwei völlig verschiedene Tests, den Blasenkammerntest und den Zuordnungstest. Für die Physik ist der Blasenkammerntest entwickelt worden, um die entsprechenden Grundannahmen zu überprüfen, nicht der Zuordnungstest. Verstehe ich Sie richtig, dass Sie behaupten, dass man das Verhalten von Teilchen nachweisen kann, indem man 100 Physikern zwei unterschiedliche Bilder vorlegt und dann schaut, wieviele Personen zum gleichen Ergebnis kommen?

Dass verschiedene Teilchen verschiedene Spuren hinterlassen ist eine Sache, dass die Fähigkeit eines Experten, in einem Multiple-Choice-Verfahren jede Spur richtig zuzuordnen Bedingung sei, dass Grundlagen der Physik Geltung hätten, eine völlig andere.

Ich hatte mir von einem befreundeten Physiker sagen lassen, dass auf Blasenkammernaufnahmen ohne Kenntniss des genauen Experimentes auch für einen Fachmann nicht zu ersehen sei, worum es sich handele. Falls ich mit dieser Annahme falsch liegen sollte, ist das Beispiel vielleicht nicht ganz so gut geeignet, zu verdeutlichen, worauf ich hinweisen möchte.

Dennoch würde es mich sehr erstaunen, wenn es einen vergleichbaren Zuordnungstest in der Physik jemals gegeben haben sollte, da die Grundlagen der Physik schließlich nicht durch Multiple-Choice-Verfahren bewiesen werden. Können Sie mir eine Untersuchung nennen, in der ca. 100 Physikern zwei Messergebnisse vorgelegt wurden, damit diese das richtige einem komplexen Versuch zuordnen?

Wenn es eine solche Untersuchung gab, gibt oder jemals geben wird und aus dieser Untersuchung auch noch Rückschlüsse auf physikalische Grundannahmen gezogen werden, ziehe ich meinen Vorwurf, hier würden Astrologie und Wissenschaften mit zweierlei Maß gemessen werden, selbstverständlich zurück.

.“.. Ebenso waere analog die Feststellung legitim, dass Horoskope kein geeignetes Mittel sind, um zwischen Personen unterschiedlichen Charakters zu differenzieren …“

Als Astrologe behaupte ich das Gegenteil:

Horoskop 1 gehört zu Person A und als Astrologe leite ich etwas daraus ab.

Horoskop 2 gehört zu Person B und als Astrologe leite ich etwas anderes daraus ab.

1 ist verschieden von 2, A ist verschieden von B, was ich ableite ist ebenfalls voneinander verschieden.

Was Sie sagen, ist, dass dann automatisch gilt, als Astrologe müsse ich folgende Frage beantworten können:

Horoskop 1 oder Horoskop 2 – welches gehört zu Person A?

Dies ist eine Schlussfolgerung, die für mich in keinem logisch begründbaren Zusammenhang mit den Ausgangsbehauptungen steht. Logisch wäre dies allenfalls, wenn das, was ich ableite, feste, klar überprüfbare und verschiedene Größen wären (alpha und beta), wie z.B.: alle Stiere haben ein Sparbuch und alle Wassermänner haben kein Sparbuch.

Die beiden verschiedenen Ergebnisse, die ich ableite sind nicht in der gleichen Weise voneinander unterscheidbar wie 1 von 2 und A von B. Hier gibt es Abstufungen, Grauzonen, die subjektive Selbsteinschätzung des Klienten, die Erfahrung des Astrologen, Widersprüche astrologischer Einzelfaktoren, die Lebensphase, in der der Klient steht und in der er einen Teil seiner Anlage in besonderem Maße lebt usw.

Da bereits populärastrologische Aussagen wie „Stiere sind geizig“ aus vielerlei Gründen nicht eindeutig mess- oder überprüfbare Faktoren darstellen, kann Ihre Schlussfolgerung eventuell gültig sein, muss es aber nicht.

Und Ihre Untersuchung überprüft eben nur dies: gilt die Schlussfolgerung oder gilt sie nicht? Ob meine Ausgangsbehauptungen richtig oder falsch sind, ist damit weder bewiesen noch widerlegt.

Angenommen, fast alle Astrologen hätten richtig zugeordnet, wäre damit sicherlich bewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen korrektem Horoskop und den Schlussfolgerungen eines Astrologen gibt. Liegen 50 Prozent der Astrologen richtig, darf dies jedoch nicht zu dem Schluss verleiten, dass hier zwangsläufig das Zufallsprinzip zur Wirkung kommt (was zwar durchaus sein kann, aber aufgrund der vielen Unsicherheitsfaktoren nicht unbedingt sein muss). Nach der gleichen Logik könnten Sie behaupten: nur jede zweite Aussage in der Astrologie ist richtig.

Zu dem anderen Punkt:

Wenn ich sage, dass Evidenzerlebnisse so oder so zustandekommen, meine ich damit natürlich nicht, dass dies bei richtigem und falschem Horoskop in gleicher Weise der Fall ist. Und ich meine natürlich auch, dass Evidenzerlebnisse in der Medizin, in der Psychologie, der Handlesekunst und dem Gummibärchenorakel (das gibt es tatsächlich) genauso auftreten. Ein Patient kann von einem Arzt völlig überzeugt sein, obwohl dieser noch nicht einmal dessen Krankheit richtig diagnostiziert hat. Wenn dies für viele Patienten der Fall sein sollte, scheinen Sie schlusszufolgern, dass die Medizin eine Glaubenssache sei.

„… Immerhin sind solche Evidenzerlebnisse der massgebliche Grund, warum Menschen von der Astrologie (oder besser: der Realitaet eines Zusammenhangs zwischen „Oben“ und „Unten“) ueberzeugt sind. Oder etwa nicht? Oder welche anderen Gruende sollte es dafuer geben, an einen solchen Zusammenhang zu glauben? …“

Wenn ein Laie an die Astrologie glaubt, mag dies mitunter daran liegen, dass er die subjektive Erfahrung gemacht hat: ja, da hat mich etwas betroffen, was mir gesagt wurde.

Ein Astrologe jedoch glaubt genausowenig an die Astrologie, wie ein Physiker an die Physik. Bereits die Fragestellung, die eine das Untersuchungsergebnis (dessen Interpretation) beeinflussende Vorannahme enthält (Astrologie ist eine Glaubenssache) führt in die Irre. Die Astrologie glaubt nicht an einen Zusammenhang zwischen oben und unten, sie untersucht und beschreibt dessen Gesetzmäßigkeiten. Ein Physiker glaubt nicht an die Schwerkraft, er untersucht und beschreibt deren Gesetzmäßigkeiten.

Was aus meiner Sicht für einen Zusammenhang zwischen oben und unten spricht, mit dem man astrologisch sinvoll arbeiten kann, ist ein Thema für sich – ein Thema über das ich mich auch gern austausche – hier geht es aber erst einmal nur um meine Kritikpunkte an der Art der vorgenommenen Untersuchung.

Mit freundlichen Grüßen

Martin A. Banger

Von | 2017-12-15T17:44:28+00:00 Januar 3rd, 2017|0 Kommentare